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Festvortrag beim 1. Stifterfest der Diakoniestiftung im Landkreis Schwäbisch Hall am 16.10.2015 in Schwäbisch Hall

„Die im Dunkeln sieht man nicht …“!
Benachteiligung und Marginalisierung
von Menschen in schwierigen Lebenslagen

Sehr geehrter Herr Minister a.D. Dr. Döring,
sehr geehrter Herr Dekan Dr. Dalferth,
meine sehr geehrten Damen und Herren!
Sie feiern heute Ihr 1. Stiftungsfest mit Ihren Stifterinnen und Stiftern, Interessierten und vielen Gästen. Sie haben wahrlich allen Grund zu feiern. Denn in diesem Jahr hat Ihre Stiftung die Grenze von 100.000 Euro Stiftungskapital überschritten. Dazu gratuliere ich Ihnen sehr herzlich.

Das gibt Rückenwind für die Ziele, die Sie mit großem Engagement verfolgen. Sie nehmen benachteiligte und marginalisierte Menschen in den Blick. Die sieben Werke der Barmherzigkeit aus dem Matthäusevangelium stehen als Leitbilder auf Ihrem Stif-tungsprospekt. Zur Zeit ganz aktuell: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25, 35)
Biblisch gut begründet befinden Sie sich damit in bester reformatorischer Tradition. Ich weiß nicht, ob Ihnen das so bewusst ist. Deshalb erinnere ich gerne daran im Vorfeld des Reformationsjubiläums, das wir 2017 feiern.
Martin Luther hatte ja die befreiende Erkenntnis, dass der Mensch die Gnade Gottes nicht durch gute Werke sich verdient oder gar durch Ablassbriefe erlangt, sondern sie im Glauben geschenkt bekommt. Gute Werke braucht es nicht zum Heil. Damit wur-den auch die Armen aus ihrer Rolle befreit, dass sie den Besitzenden durch deren gute Werke an ihnen zum Heil verhelfen.

Jetzt kamen die Armen als Arme in den Blick, denen aus ihrer Armut herauszuhelfen ist Für Martin Luther wie auch für die anderen Reformatoren war klar: „Daher darf es keine Armut und Bettelei im Volk Gottes geben, sondern Fürsorge und ängstliche Sorgfalt, dass keinerlei Armut und Bettelei vorkomme.“ Gegenüber der mittelalterli-chen Lehre war das ein revolutionärer Neuansatz, Armut und Bettelei beseitigen zu wollen.
Und was war für die ersten evangelischen Gemeinden dafür der Schlüssel?

Der „gemeine Kasten“, wie er genannt wurde. In ihn flossen alle Einnahmen der Gemein-de und Spenden der Gemeindeglieder. Sie sollten der Unterstützung der Armen die-nen.
Unterstützt wurden - und jetzt kommen die Benachteiligten und Marginalisierten der damaligen Zeit in den Blick :

- Menschen in lebensgeschichtlichen Notlagen, z.B. die „Hausarmen“, das waren die Armen einer Stadt oder eines Dorfes, in Not geratene Handwerker oder Bauern, Kranke, Alte, Gebrechliche.
- Menschen am Rande: Gefährdete Kinder, Waisen, Witwen, Fremde in Not, Ar-beitslose, Ungelernte.

Und was war das Ziel? Diesen Bedürftigen so zu helfen, dass sie wieder aus eigener Kraft ihr Leben bewältigen konnten. Luther trat sehr dafür ein, dass Arbeitslose in Arbeit gebracht werden, z.B. durch gemeinnützige Arbeit, dass Kindern aus armen Familien Schulgeld bezahlt wird, Jugendliche einen Beruf erlernen oder Handwerker in Notsituationen ein Darlehen, eine „furstreckung“, bekommen. In seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ fordert er die Fürsten auf, jedem Kind eine Schulbildung zu ermöglichen.

Heute würden wir sagen: Den Reformatoren ging es darum, die Ursachen der Armut zu überwinden, und wo möglich Armut und Ausgrenzung durch Prävention zu ver-meiden. Und dies dadurch, dass Besitzende in den „gemeinen Kasten“ geben, und daraus Arme gezielte Unterstützung und Förderung erhielten.
Und so einen „gemeinen Kasten“ haben Sie mit ihrer Diakoniestiftung hier im Land-kreis Schwäbisch Hall aufgestellt, ganz im biblischen Sinne und in bester reformatori-scher Tradition. Menschen, die stiften oder spenden können, geben in Ihre Stiftung und Sie unterstützen damit Menschen in schwierigen Lebenslagen.
Den Festvortrag haben Sie überschrieben: „Die im Dunkeln sieht man nicht …“  in Anlehnung an die Dreigroschenoper von Berthold Brecht.
Es geht ihnen also um das richtige Sehen, ein Sehen, das auch die auf den Schatten-seiten des Lebens sieht. Es braucht also so etwas wie ein „diakonisches Sehen“.

Und bei wem anders als bei Jesus selbst könnten wir dazu in die Schule gehen. Ich erinnere nur an die Geschichte von der Heilung eines Gelähmten am Teich Bethesda.
Hingehen:
Um den Teich lagern viele Kranke, Lahme und Blinde. Es ist eine Welt für sich, vor den Toren Jerusalems, außer Sichtweite.
Sehen:
Doch Jesus sieht den Gelähmten, erkundigt sich nach seiner Situation, spricht ihn an,
Fragen:
„Was willst Du, dass ich für Dich tun soll?“ – so hört er seine Lebensgeschichte, hört heraus was ihn lähmt und alle Hoffnung nimmt, dass er nämlich keinen Menschen hat. Und er spürt, dass in diesem Menschen doch noch etwas an Lebenswillen steckt, den es zu wecken gilt. Und er traut ihm zu: „Nimm dein Bett und geh.“ (Joh. 5)
Jener Gelähmte gehörte zu den Marginalisierten seiner Zeit, ganz im wörtlichen Sinn. „Marginalisiert“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „am Rande, auf der Grenze liegend“. Er ist mit andern ins Abseits geschoben worden, aus dem Blick der Jerusalemer Gesellschaft. Von Jesus können wir dies lernen: Menschen am Rande sehen, sie hereinnehmen, ihre oft schwierige Lebensgeschichte hören, sehen was in ihnen steckt und ihnen etwas zutrauen, auch zumuten, dass sie wieder auf eigenen Füßen stehen können.

Nun ist Armut und Ausgrenzung im ländlichen Raum, auch hier im Hohenlohischen, gar nicht so leicht zu sehen. Sichtbar wird Armut ein Stück weit in Ihren Tafel- und Diakonieläden. Oft aber bleibt sie unsichtbar, gerade auch auf dem Land. Dies hat eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD bestätigt. Sie trägt den bezeichnenden Titel „Nähe, die beschämt. Armut auf dem Land“.
Die Studie arbeitet heraus, dass es viel Armut auf dem Lande gibt. Doch sie bleibt verdeckt. Die Betroffenen schämen sich und versuchen so gut es geht ihre Not zu verbergen. Deshalb sind Arme oft unsichtbar, sie schämen sich ihrer Armut. Nur nicht auffallen gilt auf dem Dorf, nicht zeigen, dass man arm ist, oder dass jemand in der Familie arbeitslos ist oder ein Suchtproblem hat oder psychisch krank ist. Sie ziehen sich aus dem dörflichen Leben zurück und haben das Gefühl, dass sie nicht mehr dazu gehören. Als große Probleme nennen sie: Es fehlt an Arbeitsplätzen in der Nähe, es sind weite Wege zurückzulegen zu Ämtern, Ärzten und zum Einkaufen, die Verkehrsverbindungen sind schlecht und teuer.
Welche Erwartungen haben sie an die Kirche? Sie wünschen sich, dass die Kirchen-gemeinde etwas für ihre Kinder tut. Freizeitangebote, die nicht viel kosten, Kinder-gottesdienst, Hausaufgabenhilfe. Es ist ihr Wunsch, dass ihre Kinder dazu gehören. Und was die Studie auch zeigt: Arme Menschen spüren sehr genau, wie über sie im Umfeld und in den Medien geredet wird. Es tut ihnen gut, wenn wahrgenommen wird, wie sie sich durchkämpfen und mit wenig Geld ihr schwieriges Leben meistern.

Ich denke, hier kann Ihre Diakoniestiftung ansetzen. Wenn Armut Ausgrenzung be-deutet, dann muss es vor allem darum gehen, unterstützende Netzwerke aufzubauen, die armen Menschen wieder Teilhabe ermöglichen. Unterstützende Netzwerke für arme Familien und ihre Kinder, und in Zukunft zunehmend auch unterstützende Netzwerke für arme und alte Menschen. Denn Altersarmut wird enorm zunehmen.
Dann entwickeln sie neuen Mut und sehen wieder Perspektiven für ihr Leben. Und das ist doch das große Anliegen von Ihren Stifterinnen und Stiftern: Dass sie Zukunft eröffnen wollen, dass sie nachhaltig etwas bewirken wollen. Sie haben den Wunsch, dass sie mit einem Teil ihres Vermögens etwas zum sozialen Ausgleich in unserer Gesellschaft beitragen.
Bezeichnenderweise haben Sie als Untertitel gewählt: Benachteiligte und Marginali-sierte in einer reichen Gesellschaft. Sie nehmen wahr, dass Reiche in unserer Gesell-schaft immer reicher werden und Armut sich verfestigt und vererbt. Die soziale Pola-risierung nimmt zu. Das bestätigen viele neuere Untersuchungen. Es geht also auch um den sozialen Frieden, um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, um ein neues Wir-Gefühl.
Die Bertelsmann-Stiftung hat bei der Universität Bremen eine Studie in Auftrag gege-ben, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt im internationalen Vergleich messen sollte. Sie wurde vor zwei Jahren veröffentlicht. Gesellschaftlicher Zusammenhalt wurde dabei definiert als „Qualität des gemeinschaftlichen Miteinanders“, als „die Frage nach der Gemeinschaft in der Gesellschaft“. Untersucht wurden in 34 Ländern: Wie tragfähig die sozialen Netze sind, wie sehr sich die Menschen mit ihrem Ge-meinwesen identifizieren, wie sehr sich Menschen für ihre Mitmenschen verantwort-lich fühlen und ihnen helfen, ob sie die Verteilung der Güter als gerecht ansehen u.a.
Eine zentrale These der Studie: Gesellschaftlichen Zusammenhalt kann es in moder-nen Gesellschaften nur geben, wenn der Umgang mit Vielfalt gelernt wird. Denn mo-derne Gesellschaften sind vielfältig und bunt an kulturellen und religiösen Prägungen, an Lebensstilen und Lebensentwürfen.
Ein Fazit,
das die Bertelsmann-Stiftung aus dieser Studie zieht, lautet: „Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der es wichtig ist, niemanden außen vor zu lassen. Der Ausschluss von Schwachen oder scheinbar Andersartigen ist eine der größten Gefahren, denen wir uns als Gesellschaft gegenüber sehen. Ein lebenswertes Gemeinwesen ist eines, das alle Menschen einschließt und ihnen eine gerechte Chance auf ein gelingendes Leben ermöglicht.“ Das ist die Herausforderung für eine solidarische Bürgergesell-schaft.
Es geht also darum, benachteiligten Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Das meint der neue Begriff Inklusion. Richtig verstanden geht es dabei darum, dass allen Men-schen Teilhabe ermöglicht werden soll, neben Menschen mit Behinderung auch ar-men, arbeitslosen, psychisch kranken oder alten Menschen – oder als ganz neue Herausforderung auch Flüchtlingen.
Martin Luther hat dies so gesagt: Als Christen sind wir frei von der Sorge um unser Leben, wir vertrauen uns der Fürsorge Gottes an und seiner Barmherzigkeit, Und deshalb sind wir frei, „anderen zu dienen und nützlich zu sein, nichts anderes isch vor Augen stellen als das, was den anderen nötig ist. Das heißt dann ein wahrhaftiges Christenleben, und da geht der Glaube mit Lust und Liebe ans Werk.“ (Freiheit eines Christenmenschen, zum sechsundzwanzigsten).
Und das wünsche ich Ihnen für Ihre Stiftungs-Engagement: dass Sie es „mit Lust und Liebe“ auch in den kommenden Jahren betreiben und mancher Segen davon ausgeht.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
- Es gilt das gesprochene Wort -

Festvortrag Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Diakonisches Werk Württemberg (PDF-Datei)